rede

künstlerische Einführungsrede am 21.06.2008 von Andreas Golczewski

 

 

Guten Abend,
Es ist mir eine Freude Sie bei dieser Ausstellungseröffnung und gleichzeitig dem Finale des großartigen Projekts von Michaela Tröscher „auf dem dach des landes/wetter – feldberg – reykjavik“ begrüßen zu dürfen.
Erlauben sie mir kurz mich vorzustellen, bevor ich auf das Projekt und die Ausstellung eingehen werde.
Mein Name ist Andreas Golczewski. Ich bin Künstler und Kurator des Museum Gosz in Saarbrücken. Es handelt sich dabei um ein junges Museum für zeitgenössische Kunst, das sich im Moment im Aufbau befindet. Davor war das Museum Gosz eine Galerie, in der Michaela Tröscher im November 2007 eine Einzelausstellung gehabt hat. Sie hat damals eine Arbeit gezeigt, die auch hier im Turm entstanden ist. Die Arbeit hieß „die schwarzwälderin“ und ich sehe diese Arbeit als ein Schlüsselwerk dieses Projektes an.

Ich habe mein Vortrag in drei Teile gegliedert. Der erste Teil bezieht sich auf den Ort, an dem wir uns befinden, der zweite Teil auf die Biografie von Michaela Tröscher und im dritten Teil werde ich auf ihre künstlerische Arbeit eingehen und mich vor allem auf die bildhauerische Arbeit konzentrieren.

Beginnen wir nun mit dem Ort.
Es ist kein alltäglicher Ort, auch kein typischer Ort, an dem Kunst entsteht und ausgestellt wird. Es ist ein Sendeturm, der seine ursprüngliche Funktion wegen technischer Entwicklung und zeitlicher Erneuerung aufgeben musste, und jetzt als Aussichtsturm für Besucher dient.
Die Aussicht ist auch keine gewöhnliche Aussicht. Wir befinden uns auf dem höchsten Gipfel des deutschen Mittelgebirges, auf dem Feldberg.
Eine Attraktion im Winter wie im Sommer, ein Wahrzeichen der Region mit extremen Wetterverhältnissen.
Es ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit heute hier zu sein. Einerseits eine Ausstellung in solchen Räumen vorzufinden und gleichzeitig auf einem Berggipfel zu stehen, an einem kulturellen Ereignis teilzunehmen, in einer wunderschönen Landschaft, heute zur Sommersonnenwende.
Michaela Tröscher macht diese Besonderheit zu ihrer Arbeit und ihrer Alltäglichkeit. Sechzehn Monate lang besetzt sie das zweite Stockwerk im Turm als Atelier und arbeitet an dem Projekt “wetter – feldberg – reykjavik“. Sie stellt sich fast täglich dem Widerstand, bei schnell wechselnden Wetterverhältnissen, auf den Feldberg hochzufahren und hochzulaufen.
Was bewegt die Künstlerin Michaela Tröscher dazu, an einem solchen Ort zu arbeiten und sich dieser extremen Situation zu stellen, sich in kalten, kleinen Räumen aufzuhalten, die einer Schiffskabine ähneln und eine Nüchternheit ausstrahlen, die an die alte Funktionalität des Turmes erinnert. Um dieser Frage nachzugehen, muss ich auf die Biografie der Künstlerin Michaela Tröscher eingehen.

Michaela Tröscher ist 1974, in Freiburg im Breisgau geboren und in Hinterzarten auf einem Bauernhof aufgewachsen. 1995 entscheidet sie sich von hier wegzuziehen, um Kunst zu studieren. Sie kommt nach Saarbrücken an die Hochschule der bildenden Künste Saar und fängt mit ihrem Bildhauereistudium an. 1996 unternimmt sie eine Reise nach Island in Rahmen einer Exkursion der Hochschule. Dort passiert Folgendes:
Michaela Tröscher ist das erste Mal mit ihrer Identität außerhalb ihrer Heimat konfrontiert. Sie spürt eine geistige Verwandtschaft zu diesem neuen Land, und beschließt 1999 dort zu leben. Die Frage nach der Identität nimmt einen wichtigen Teil in ihrer künstlerischer Arbeit ein. In dieser Zeit macht sie ihr Diplom an der Hochschule der bildenden Künste Saar. 2005 kommt Michaela Tröscher in den Schwarzwald und macht eine Ausbildung zur Grundstufenskilehrerin auf dem Feldberg. Die Ausbildung soll nicht nur das Verlangen nach materieller Sicherheit stillen, sondern sie leitet sich auch aus der intensiven Beschäftigung mit ihrer Kindheit, ihren Wurzeln ab, also aus der Arbeit, die sie auf Island begonnen hat. Michaela Tröscher kehrt zurück, um den unerfühlten Wünschen und offenen Fragen der Unruhe in ihr, nachzugehen. Nach der Skiausbildung nimmt sie die künstlerische Arbeit wieder auf und findet diesen Ort, wo Sie das Thema ihrer Identität fortsetzen kann. Hier wird das Wetter zu einer zentralen Aufgabe. Bestand vorher eine geistige Verbindung zwischen Schwarzwald und Island, ist nun das Wetter auf dem Feldberg (welches dem Klima in Island sehr nahe kommt) auf einmal eine spürbare Verbindung, die den ganzen Körper beansprucht.

Die künstlerische Arbeit, zu der ich jetzt komme, ist geprägt von den Erfahrungen des ganzen Körpers. Die radikale Veränderung der Natur durch das Wetter, die sie hier tagtäglich beobachtet und der sie ausgesetzt ist führt zu bestimmten Erinnerungen, Empfindungen und Erkenntnissen, die in ihrem Körper gespeichert sind und die sie in ihrer künstlerischer Arbeit umsetzt.

Betreten wir die Räume der Ausstellung, sehen wir Objekte unterschiedlicher Größen und Formen und uns erscheint ihre zarte und zerbrechliche Materialität. Wir sehen Formvolumen und Linien, die von der Künstlerin gestaltet sind und die ihre Handschrift tragen. Wir erkennen Materialien, wie Styropor, Lack und gefärbte Wolle. Wir fragen nach dem Sinn dieser Arbeiten und lesen die Titel: “Schneeschlag“, “Bergpfutscher“. In diesem Moment fangen wir an zu zweifeln, ob es sich bei diesen Skulpturen überhaupt um dargestellte Naturereignisse handelt, weil die Titel mit unseren Vorstellungen und den Arbeiten nicht übereinstimmen. Die Formsprache der bildhauerischen Werke ist überraschend, ungewöhnlich, zum Teil verstörend, auf jedem Fall einzigartig und neu.

Die Form macht deutlich, dass es hier um keine Naturnachahmung geht.
Die uralte Vorstellung, Kunst habe die Aufgabe, die Natur abzubilden, nachzuahmen, bzw. zu vervollkommnen, kann hier nicht angewendet werden. Anders als die Natur, die mit einer Brutalität und Wucht ihre Umgebung deformiert, versucht Michaela Tröscher unter dem gewissen Gesichtspunkt der Harmonie neue Formen zu finden. Es steigt das Bedürfnis der Künstlerin, neue und anders fundierte Wahrheiten zu suchen. Sie ist der festen Überzeugung sie im eigenen Körper zu finden.
Die Bildhauerin Michaela Tröscher spiegelt in ihrer Arbeit also die Erinnerungen, Empfindungen und Erkenntnisse aus ihrem eigenen Körper. Sie verbinden sich und vernetzen sich in ihr. Sie strebt es an, diese Verbindungen und Vernetzungen, in eine sichtbare Form umzusetzen. Stück für Stück entstehen Skulpturen. Die tiefsten Überlegungen der Künstlerin bezüglich des eigenen Körpers bleiben ein Geheimnis. Sie erklärt sie nicht. Wir können nur ahnen, dass es sich um Überlegungen handelt, die sowohl das Zarte und Liebevolle als auch das Brutale und Zerstörerische betreffen.
Um diese Empfindungen besser verstehen zu können, sollten sie zu einer anderen Tageszeit und Wetterlage wiederkommen, dann werden sie feststellen, dass ihre Wahrnehmung sich verändert, weil ihr Körper anders auf die Situation reagiert. Diese Veränderung der Wahrnehmung ist ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Prozesses.

Die Materialien, die Michaela Tröscher für ihre Arbeiten auswählt sind alltäglich und nüchtern, denn sie sollen keine weitere Botschaft transportieren, außer der Idee der Künstlerin. Es sind synthetische Stoffe, die sich genauso wie die Form von der Natur entfernen. Das Material soll nicht verschönern, sondern das zeigen, was es ist: Durch einen Körper geformte und verdichtete Materie.

Zum Schluss kann man sagen, dass alle Werke, die hier gezeigt werden, ein Gefühl der Freude an der eigenen Arbeit, das körperliche Engagement der Künstlerin, sowie ihre großherzige Bewunderung der Natur, ausstrahlen.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.